Brand, Leo
| Nachname: | Brand |
|---|---|
| Vorname: | Leo |
| Geburtsdatum: | 11. März 1880 |
| Geburtsort: | Klasno (Österreich-Ungarn, heute Polen) |
| Familienstand: | ledig |
| Eltern: | Israel und Sara, geb. Rügler, B. |
| Familie: | Bruder von Moses (1887-?), Fanny (1888-?), Alexander (1890-?) und Isaak (1891-1971) |
Biographie
Leo Brand
Geboren um 1880 in Klasno bei Krakau im damals österreichisch-ungarischen Galizien, Arbeiter bei einer Karlsruher Spedition, auf einem Auge blind, ledig und alleinstehend, war es Leo Brand in der Nazizeit bis etwa Anfang 1942 gelungen, seine jüdische Herkunft zu verbergen. Nach wochenlanger „Schutzhaft“ wurde Leo am 24. April 1942 über Stuttgart nach dem Transit-Ghetto Izbica bei Lublin deportiert, wo sich seine Spur verliert.
Leo Brand taucht auf einer Karlsruher Gestapoliste von Anfang 19391 als Staatenloser auf, mit dem Vermerk „früher Polen“, und, anders als die meisten auf der Liste, wird er nicht als Jude aufgeführt. Er wohnte damals in der Durlacher Straße 16 (heute der Straßenabschnitt Am Künstlerhaus) im Dörfle zur Miete. Sein Geburtsort, die etwa 500 Einwohner umfassende Vorstadt-Siedlung Klasno, südlich von Krakau, war seit 1934 Teil der Salinenstadt Wieliczka. Ihre weitläufigen Salzbergwerke sind heute UNESCO-Weltkulturerbe.
Bei der Volkszählung im Mai 1939 hat Leo zweifellos keine jüdischen Großeltern angegeben. Als Pole und damit aus Sicht der Nazis „fremdvölkisch Minderwertiger“ wurde er dennoch misstrauisch beäugt, noch mehr so nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September des Jahres. Durch Runderlass vom 12. September 1939 galten Polen und in Polen geborene im Deutschen Reich als „feindliche Ausländer“, für die strenge Auflagen galten. In einem Brief von 26. September 1939 meldete das Karlsruher Ausländeramt zwei solche Personen an das Innenministerium, neben einer ausländischen Musikstudentin war dies:
„Leo Brand, Hilfsarbeiter, geb. 11. März 1880 in Klasno, ehem. polnischer Staatsangehöriger, der seit seinem 2. Lebensjahr sich in Deutschland befindet und seit 1898 sich in Karlsruhe aufhält. Er ist z.Zt. als Transportarbeiter hier beschäftigt. Hat nur ein Auge und macht einen etwas unbeholfenen Eindruck. Er ist nach neuem Strafregisterauszug nicht bestraft. Gefahren für das Staatswohl scheinen bei Brand ebenfalls nicht gegeben. Er scheint auch als Transportarbeiter im Speditionsdienst notwendig gebraucht zu werden. Im Fall der Internierung will er sich ein Leid antun.“
Das Ausländeramt beantragte nun, dass Leo in Karlsruhe verbleiben dürfe. Dem wird am 3. Oktober 1939 stattgegeben, aber „die Verpflichtung zu täglicher Meldung auferlegt“.2 Die Durlacher Straße 16, wo er im 1. OG ein Zimmer bewohnt haben dürfte, war ein „kleines, zweistöckiges Wohnhaus“3. Auf einem undatierten Foto um 1920/304 sehen wir ein abgewohntes Tagelöhnerhäuschen des späten 18. oder frühen 19. Jahrhunderts, laut Adressbüchern bis ins Dach vermietet.
Die Unterlagen zur Verfolgung von Leo Brand enthalten nichts zu seinen Eltern. Wer waren sie, wo wuchs Leo auf? Die durch den Staatsschauspieler Hermann Brand bekannte Karlsruher Familie zeigt keinerlei mögliche Berührungspunkte, auch weitergehende Recherchen erbrachten zunächst nichts.
Es gab aber eine Familie Brand – vereinzelt auch „Brandt“ geschrieben – um 1884 in Halberstadt, ab etwa 1887 im nordbadischen Neckarbischofsheim. Die Mutter der kinderreichen Familie, Sara Brand, geborene Riegler (Rigler/Rygler), Tochter des Zieglers Moses Riegler und der Hinda, war aus Klasno bei Krakau gebürtig. Der Vater, Israel ha-Cohen Brand, Sohn des Levi, geboren um 1843 im nahe bei Klasno gelegenen Podgorze, war zunächst „Lohnkutscher in Podgorze“5, später Handelsmann.
Eine Akte von 1903 im Generallandesarchiv für deren Sohn Moses6, der nach dem frühen Tod seiner Eltern wegen kleiner Delikte in ein Erziehungsheim eingewiesen wurde, enthält einen expliziten Beleg, dass von Leos Familie die Rede ist: „Die Kosten der Unterstützung des Moses Brand fallen wie bei dessen Bruder Leo Brandt der Gr. Staatskasse zur Last“. Mehrere Pressenotizen7 aus späteren Jahren (siehe unten) erwähnen diesen wiederum mit Bezug zu Karlsruhe.
Vermutlich haben seine Eltern ihn ganz traditionell nach dem verstorbenen Großvater „Levi“ genannt, im deutschen Sprachraum dann Leo(pold). Nach dem Patriarchen Levi zu heißen, bedeutet übrigens keineswegs, zu den Leviten zu zählen. Vielmehr waren Israel Brand und seine Söhne ausweislich des väterlichen Grabsteins in Waibstadt Kohanim, also Abkömmlinge des aaronitischen Priestergeschlechts.8
In den Jahren um 1880 und bis 1918 gehörte Leos westgalizischer Geburtsort zu Österreich-Ungarn gehört. Es ist denkbar, dass Leo im Ersten Weltkrieg in der mit Deutschland verbündeten K.u.K.-Armee gedient hat – und vielleicht im Gefecht sein eines Auge einbüßte. Mit der Auflösung des österreich-ungarischen Vielvölkerstaates und neuen Grenzen nach dem Vertrag von Trianon 1919 gehörte Klasno zum neugebildeten polnischen Staat. Es war nicht unüblich, die vor 1918 ausgestellten, österreichische-ungarischen Papiere in polnische übertragen zu lassen, und zwar durch – zumindest zeitweilige – Rückkehr in die alte Heimat. Wer das nicht wollte oder versäumte, wurde quasi staatenlos, das NS-Regime wiederum definierte alle ungefragt als Polen.
Wahrscheinlich ist Leo nur mit heimischem Jiddisch und dem Deutsch der Emigration aufgewachsen, d.h. er sprach – anders als seine Eltern, die es im Geschäftsleben in Galizien gebraucht hatten – vermutlich nur rudimentär Polnisch.
Dies sind Leos nachweisbare Geschwister:
– Rosa Riegler („unehelich“), geboren 9. Juni 1880 in Podgorze, weiteres unbekannt
– Johanna/Jetty, geboren 2. Januar 1884 in Halberstadt. später verheiratet mit Friedrich Hofmann, gestorben 16. Juni 1956 in Mannheim. Es gab eine Tochter Margarete, geboren 26. August 1909 in Mannheim
– Marie/Marja, geboren 20. Juni 1885 in Wieliczka, verheiratet mit Oskar Engler, Hotelfachkraft, Marktfahrerin mit Fleischwaren, gestorben am 3. September 1949 in Freiburg9
– Moses/Moritz Brand, geboren am 14. April 1887 in Neckarbischofsheim, 1901 Sattlerlehrling. 1906 an Tuberkulose erkrankt, am 2. Dezember 1907 in Podgorze verstorben10
– Fanny Brand, geboren am 15. Dezember 1888 in Neckarbischofsheim, weiteres unbekannt
– Alexander Brand, geboren am 4. März 1890 in Neckarbischofsheim. Laut Volkszählung 1939 in Berlin, verheiratet mit Ella, geborene Schliefke. 11 Gestorben laut Standesamt Neckarbischofsheim am 26. Dezember 1993 in Berlin (mit 103 Jahren!) 12
– Isak Brand, geboren am 29. Juli 189113 in Neckarbischofsheim, gestorben 1. November 1971 in Düsseldorf. Laut Volkszählung 1939 in Hagen/Westfalen verheiratet mit Katharina, geborene Krischel. Es gab einen Sohn Heinz, geboren 1918
Am 24. Januar 1893 verzeichnet das Standesregister Neckarbischofsheim ein „totgeborenes Mädchen“ und am selben Tag den Tod der 38-jährigen Mutter Sara Brand im Kindbett. Beide sind auf dem Jüdischen Friedhof in Waibstadt bestattet.15 Demnach war Leo etwa 12, als er die Mutter verlor.
Vater Israel Brand erscheint ab etwa 1890 als regelmäßiger (Klein-)Spender z.B. im Jahres-Bericht des Landesvereins zur Erziehung Israelitischer Waisen im Großherzogtum Baden und im Israelit. Es ist davon auszugehen, dass er Gebete und Traditionen kannte, aber weder torahgelehrt noch weltlich gebildet war, denn bei der Geburt seiner Kinder und dem Tod seiner Frau hat er – für Juden sehr ungewöhnlich – „wegen Schreibensunkunde“ die Urkunden mit drei kleinen Kringeln unterzeichnet. Das lässt darauf schließen, dass er aus so armen Verhältnissen stammte, dass er keinen traditionellen „Cheder“ besuchen konnte und sogar die Elementarschule nicht zum Schreiben des eigenen Namens ausgereicht hat.
Israel Brand verstarb am 25. Dezember 1896 in Neckarbischofsheim-Helmhof mit 53 Jahren. Damit war Leo mit etwa 16 Jahren Vollwaise. Laut erwähnter Gestapoakte kam der noch Minderjährige nun im Jahr 1898 nach Karlsruhe. Warum, und unter welchen Umständen, bleibt offen.
Den Tod des Vaters meldete die Tante mütterlicherseits, die „bei seinem Ableben anwesende“ Jette Riegler. geboren 1867 in Klasno. Die Urkunde unterschrieb sie in geläufiger Handschrift – das lässt darauf schließen, dass auch ihre verstorbene Schwester lesen und schreiben konnte. Frei übersetzt besagt die hebräische Inschrift seines ganz im Duktus der Orthodoxie gestalteten Grabsteins in Waibstadt, dass Israel wegen der Armut im Land seiner Geburt einen Hausstand in der Fremde gründete und am Vorabend des Shabbat, am 20. Tevet 5617 in Neckarbischofsheim verstarb.16 Auch wenn Grabsteininschriften oft eher formelhaft sind, passt dies zu einer benachteiligten, proletarisch-jüdischen Familie, die sich, noch vor dem Aufkommen sozialistischer Tendenzen in der Arbeiterbewegung, durch die Migration nach Westen, nach Deutschland aus der Verelendung im alten Galizien herauszuarbeiten versucht hatte.
Die erwähnte Jette Riegler, ledige Hausiererin, heiratete im Jahr darauf Markus Mordechai Reis(s). Sie ist 1919 in Neckarbischofsheim gestorben, und wurde ebenfalls auf dem Jüdischen Friedhof Waibstadt bestattet.
Spätestens nach dem frühen Tod der Eltern entfernten sich die Geschwister Brand von der jüdischen Tradition, vier Geschwister heirateten Nicht-Juden. Für Schwester Marie ist aktenkundig, dass sie in der beginnenden NS-Verfolgung in Freiburg versuchte, ihr Judentum geheim zu halten und letztlich durch den Schutz der sog. „Mischehe“ überlebt hat.17
Leo (Lew, Leon) Brand hätte auch ein evangelischer Pole heißen können, dessen Vater Ende des 19. Jahrhunderts als Bergmann in das Ruhrgebiet kam. Eine christliche Familie Brand ohne einen Leo(pold) gab es tatsächlich in Neckarbischofsheim18.. Die jüdischen Standesregister für Klasno in den relevanten Jahren sind laut Staatsarchiv Krakow nicht mehr vorhanden – vielleicht gingen sie schon bei einem Feuer 1881, in dem fast der ganze Ort niederbrannte19, oder in den Kriegswirren 1914/18 verloren, was Leo durch frühere Anfragen wissen konnte. Damit war es ihm möglich, sein Geburtsdatum zu ändern, um Nachforschungen durch die NS-Behörden zu entgehen. Leo Brand wird im Karlsruher Adressbuch 1940 nicht separat unter den jüdischen Einwohnern geführt, wie es obligatorisch war, sondern unter den „arischen“ – und so bis zuletzt im (Dezember 1941 erschienenen) Adressbuch 1942. Es war ihm offensichtlich gelungen, seine jüdische Herkunft zu verbergen.
Dass Leos angegebenes Geburtsdatum 11. März 1880 falsch sein muss, ist auch deshalb eine notwendige Annahme, weil die Geburt seiner Schwester Rosa im Juni 1880 zweifelsfrei durch das Geburtsregister Podgorze belegt ist. Dass Klasno eine fast vollständig jüdische Siedlung war und dass es in Karlsruhe einen jüdischen Leo (Leib) Brand20 gab, sowie einen ebenfalls jüdischen Leo Brand in Mannheim21, zeigt aber, dass nichts wirklich sicher gewesen wäre.
In Zeitungsberichten wie sein Vater als Fuhrknecht, später als Packer und Hilfsarbeiter bezeichnet, hatte Leo ohne familiären Rückhalt zweifellos ein schwieriges Leben. Der Badische Beobachter von 22. März 1903 berichtet, dass „Dienstknecht Leo Brand aus Neckarbischofsheim“ vom Schöffengericht in Karlsruhe wegen Körperverletzung zu drei Wochen Gefängnis verurteilt worden sei.
Der Volksfreund von 22. April 1909 berichtet über einen Rechtsstreit mit einer Kohlenhändlerwitwe in der Schützenstraße. Fuhrknecht Leo Brand, bei Frau Vogt in Kost und Logis, klagt wegen „rechtswidriger Entlassung“ auf Entschädigung für 14 Tage. „Die Beklagte gibt an, Brand sei am Ostersonntag und Montag vom Geschäft weggeblieben und am Dienstag darauf nicht rechtzeitig aufgestanden, worauf sie ihm gesagt habe, er brauche nicht mehr zu kommen. […] Derselbe beruft sich darauf, er sei am Dienstag nach Ostern absichtlich nicht rechtzeitig geweckt worden, um einen Grund zu haben, ihn zu entlassen. Nachdem er geweckt worden sei, sei er sofort aufgestanden und seiner Arbeit nachgegangen. Das Gericht verurteilte die Beklagte zur Zahlung von 21 Mk.“
Das Karlsruher Tagblatt vom 9. Februar 1921 berichtet „Der Taglöhner
Im Karlsruher Tagblatt vom 15. März 1926 heißt es: „Festgenommen wurden
Etwa dreißig Jahre nach dem Tod der Eltern und dem Zuzug nach Karlsruhe, nach politischen Umwälzungen im Land seiner Herkunft und beruflichen Wechseln, ist es gut denkbar, dass Leos jüdischer Hintergrund nicht mehr evident und Bekannte aus seiner Jugend nicht mehr in der Nähe waren. Aus dem erhaltenen Porträtfoto seiner Schwester Marie22 abzuleiten, war Leo vermutlich eine robuste, eher bäuerliche, unauffällige Erscheinung, die nicht dem Beuteschema der Antisemiten entsprach.
Da sich Leo Brand nicht als Jude zu erkennen gab, hatte er auch sicherlich keinen Kontakt zur jüdischen Gemeinde. Damit ist ein Zusammenhang mit der jüdischen Familie Tiefenbrunner, die um 1900 aus Klasno nach Karlsruhe gekommen war, sehr unwahrscheinlich.
Ob eine Denunziation oder Ermittlungen der NS-Behörden der Auslöser für seine plötzliche Verhaftung waren, wissen wir nicht. Laut einer „Gefängniskarteikarte“23 lieferte die Kripo den „Hilfsarbeiter“ „Leo Israel Brand“ am 12. Januar 1942 im Gefängnis II in der Riefstahlstraße 9 ein. Es war Schutzhaft angeordnet. Am 2. Februar wurde er wieder auf freien Fuß gesetzt. Am 23. März 1942 benachrichtigte der Leiter der Bezirksstelle der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, Karl Eisemann, etwa 75 badische Jüdinnen und Juden über ihren anstehenden „Abwanderungstransport nach dem Generalgouvernement“24– zum Personenkreis zählte auch Leo Brand.
Entsprechend kam er am 28. März erneut in Haft. Am 24. April hieß es dann lapidar: „Abholung“. Als letzte Wohnung ist die ab Ende 1937 belegte Adresse Durlacher Straße 16, jetzt „bei Rieger“, genannt.25
Am Abend des 24. April 1942 – einem Freitagabend, für Juden in aller Welt der Beginn des Schabbat – verließ der bewachte Personenzug Karlsruhe, in drei Waggons saßen mit Leo Brand zusammen zumeist bei früheren Abschiebungen zurückgestellte, ältere jüdische Menschen aus dem Badischen. Zuvor hatte die Gestapo ganz offen den Landräten und Polizeidienststellen mitgeteilt, „Die in der letzten Zeit … durchgeführte Umsiedlung von Juden nach dem Osten stellt den Beginn der Endlösung der Judenfrage im Altreich [...] dar. Im Rahmen dieser Umsiedlung geht in nächster Zeit von Stuttgart aus ein zweiter Transport von Juden [...] in den Osten“26.1 Koffer oder Rucksack war erlaubt, 2 Wolldecken, 1 Kissen, 50 RM in Reichskreditkassenscheinen, alles weitere wurde den Gefangenen schon vor der Abreise abgenommen.
Noch am selben Abend wurden die Deportierten in die zum Sammellager umgewidmete „Ehrenhalle des Reichsnährstandes“ der Reichsgartenschau in Stuttgart-Killesberg eingewiesen. Die Unterbringung in der überfüllten Halle war höchst provisorisch, möbliert war nur für die Aufsichtsbeamten. Die Nächte verbrachten die Menschen nun auf etwas Stroh oder auf dem blanken Fußboden, die sanitären Bedingungen waren miserabel. Am Morgen des 26. April mussten alle, neben der badischen Gruppe vor allem fast 300 Jüdinnen und Juden aus Württemberg, Hohenzollern und der Pfalz, die etwa 2,5 km zum Inneren Nordbahnhof marschieren, von wo der Sammeltransport in Personenwaggons abfuhr. Der Transport erreichte, stark verzögert vermutlich durch Kriegseinwirkung, erst drei Tage später am 29. April die Kleinstadt Izbica im Kreis Krasnystaw bei Lublin27. Ihr Gepäck wurde den Deportierten nicht ausgehändigt, die Unterkünfte – gewöhnliche, oft verfallene Wohnhäuser – waren völlig überfüllt, verlaust und armselig, es fehlte an allem. Die Tagesration Brot betrug 50 Gramm. Es existierten nur wenige Brunnen, kein fließendes Wasser, keine Kanalisation. Im April 1942 wütete in Izbica der Typhus.28
Das Transit-Ghetto war nicht eingezäunt, aber scharf von ukrainischen Freiwilligen (sogenannten Trawnikimännern) und SS kontrolliert und umfasste praktisch den ganzen Ort, nicht einen abgegrenzten Wohnbezirk. Die von den Nazis etablierte Jüdische Selbstverwaltung war völlig überfordert. Den jämmerlichen Wohnraum teilten sich die auf ihre Lage gänzlich unvorbereiteten Deportierten aus Deutschland mit polnisch-galizischen jüdischen Familien, die dort schon zuvor ums tägliche Überleben kämpften.
Viele Menschen sind bereits dort verhungert oder an Krankheiten gestorben, die übrigen wurden in die neu eröffneten Vernichtungsstätten der „Aktion Reinhard“ Bełżec und später Sobibór verschleppt. Kein Mensch aus dem Stuttgarter Transport29 hat überlebt.
Auf dem Gedenkstein am Jüdischen Friedhof steht Leo Brands Name.
(Christoph Kalisch, Februar 2026)
Anmerkungen:
[1] https:collections.arolsen-archives.org/en/document/11200846
[2] https:collections.arolsen-archives.org/de/document/11200883 und https:collections.arolsen-archives.org/de/document/11200885
[3] So die Badische Presse am 4.1.1910, als das Gebäude zum Verkauf stand
[4] StAK 8/Alben 191 Pk-Slg 225 Durlacher Straße 16
[5] Geburtenregister der Stadt Podgorze, Eintrag für Tochter Sara, Staatsarchiv Krakow
[6] GLA 484-1, 1745
[7] Aus den Jahren 1903 bis 1926, siehe weiter unten
[8] http:www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=2-2419925 bzw. http:www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=2-2563160-1
[9] Staatsarchiv Freiburg F 196/2 Nr. 2505
[10] https:w3.ics.uci.edu/dhirschb/
[11] https:mappingthelives.org/bio/69e89b2e-f686-43ca-9a21-f2df051f37dc?language=en
[12] Standesamt Berlin-Charlottenburg, Nr 2482, Testament TK Nr 438 [!]
[13] Vgl. auch http:www.juden-in-weinheim.de/de/personen/b/brandt-isaak.html. Akte in StadtA Solingen ((SG 15266) Brand, Isaak, gen. Jakob) WGM NS Unrecht, Anfrage in Solingen ohne konkretes Ergebnis
[14] https:mappingthelives.org/bio/effe127e-2be1-400c-b66f-3d3182863d9b?language=en
[15] http:www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=2-2419897 bzw. http:www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=2-2562996-1
[16] http:www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=2-2419925 bzw. http:www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=2-2563160-1
[17] StAF F196/2, 2505
[18] Zu ihr zählte der Postbeamte Karl Oswald Brand
[19] vgl. z.B. der Ungarische Israelit, 25.3.1881
[20] Leo/Leib Brand aus Rozwadow, Bruder des Staatsschauspielers Hermann (Samuel) Brand
[21] Leo Brand, geboren 1880 in Bottrop
[22] Staatsarchiv Freiburg F 196/2 Nr. 2505
[23] GLA 520 Zug. 1981-51 Nr 19122
[24] Vgl. auch Sauer, Dokumente Bd 2, S. 325
[25] Lt Bad Presse von 26.11.1942, S.3 wohnte ein Unteroffizier Hermann Rieger im Haus
[26] Schreiben vom 25.3.42, vgl. Sauer, Dokumente…, Bd 2., Dokument 486, S. 309-11
[27] vgl. Steffen Hänschen (2018): Das Transitghetto Izbica im System des Holocaust, S. 328ff und https:collections.yadvashem.org/de/deportations/5604616
[28] Hänschen (2018), S. 396
[29] http:*statistik-des-holocaust.de/OT420426-1.jpg