Zander, Sophie
| Nachname: | Zander |
|---|---|
| Vorname: | Sophie |
| abweichender Vorname: | Sofie |
| Geburtsdatum: | 5. Juli 1891 |
| Geburtsort: | Berlin (Deutschland) |
| Familienstand: | ledig |
| Eltern: | Joseph und Bertha, geb. Ledermann, Z. |
1940: Kriegsstr. 88,
Leopoldstr. 2 a
Biographie
Sophie Zander
Herkunft
Sophie kommt am 5. Juli 1891 als erstes Kind einer jüdischen Pferdehändlerfamilie im Osten Berlins zur Welt. Damals leben die Eltern, Josef Zander und seine Ehefrau Berta, geborene Ledermann, in der Frankfurter Allee. Sie haben sich im Juni 1890 verlobt und im Oktober 1890 in Berlin geheiratet. Im Berliner Adressbuch 1892 findet sich „Joseph Zander, Pferdehändler“ in der Thaerstraße, nahe dem Zentral-Vieh- und Schlachthof.
Der Vater Joseph Zander, Sohn des Pferdehändlers Aron Zander und der Ernestine, geborene Abraham, ist geboren am 26. November 1863 in Schlochau in Westpreußen, heute Człuchów im Norden Polens. Joseph hatte mindestens acht Geschwister. Der Familienname Zander/Sander geht historisch auf die Dankbarkeit der Juden gegenüber Alexander dem Großen zurück, der im Jahr 332 v. Chr. die Stadt Jerusalem mit dem Tempel-Heiligtum verschont hat.
Die Mutter Berta Zander, gebürtige Ledermann, geboren am 31. Dezember 1865 in Breslau, ist eine Tochter des Lohndieners Jacob Ledermann und der Sophie, geborene Friedländer. Diese Sophie Ledermann ist 1887 in Breslau gestorben. Die kleine Sophie bekommt vier Jahre später ganz traditionell den Namen ihrer verstorbenen Großmutter.
Die Familie zieht bald nach Sophies Geburt nach Schlochau, denn ab dem nächsten Kind – im Jahr 1893 – sind alle dort geboren. Auch Sophie wird dort die Schule besucht haben. In der Kleinstadt im Kreis Marienwerder mit (um 1900) etwa 3.000 Einwohnern, davon 280 Juden, kommen vier Geschwister zur Welt:
Grete (Margarete), am 25. Juni 1893; Georg, am 15. November 1894; Else, am 14. September 1898 und schließlich Arthur, am 21. Februar 1902.
Die Großeltern väterlicherseits, Aron und Ernestine Zander, sind beide vor 1902 verstorben.1 Der Großvater mütterlicherseits, Jacob Ledermann, stirbt 1904 in Landsberg an der Warthe.
Vater Joseph hat in Schlochau eine der dortigen vier Pferdehandlungen inne.2 In der Stadt findet mehrmals im Jahr ein Vieh- und Pferdemarkt statt. Der Pferdehandel erfordert eine Menge Fachkenntnis, um einzuschätzen, wie es um Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Charakter der Tiere steht, dazu hohe Mobilität für Reisen zu Märkten und Auktionen, gute Vernetzung und einiges an Liquidität. Dabei ist es unter den damaligen jüdischen Pferdehändlern üblich, auch einen umfangreichen Handel per Handschlag abzuschließen.
Gehandelt werden üblicherweise Zug-, Arbeits- und Reitpferde, auch schwere Kaltblüter für große Landgüter oder das preußische Militär. Nicht nur Vater Aron und Sohn Joseph handeln mit Pferden, auch Josephs älterer Bruder Abraham Zander im benachbarten Konitz übt diesen Beruf aus.3 Das Geschäft ist vermutlich auskömmlich, aber birgt viele Risiken. Zum Begutachten, Finanzieren und Transportieren kommen auch – zumindest kurzzeitig – die recht aufwändige Haltung und Pflege. Laut einer Zeitungsnotiz brennt am 14. Februar 1907 das Stallgebäude von Joseph Zander in Schlochau nieder. Verursacht wird das Unglück durch einen Brand in der Werkstatt eines benachbarten Pantoffelmachers in der Kaldauerstraße. Durch die Eiseskälte und den daraus folgenden Wassermangel sind die Löscharbeiten sehr erschwert.4
Im Jahr darauf trifft die Familie ein noch viel größeres Unglück: Mutter Berta Zander stirbt am 5. Mai 1908. Der Sterbeurkunde zufolge wird die 42-Jährige von der örtlichen Polizei im „sogenannten Judenteiche zu Schlochau tot aufgefunden“. Der Flurname im dörflichen Stadtteil Neu-Schlochau deutet darauf hin, dass es am Ort schon seit Generationen jüdische Anwohner gibt. Die Ostdeutsche Zeitung berichtet: „Schlochau, 6. Mai: Tot aufgefunden wurde heute früh die Ehefrau des Pferdehändlers Josef Zander in dem kleinen Teiche hinter ihrem Haus. Die Frau war schon seit längerer Zeit nervenleidend“.5
Werdegang
Für die 16-jährige Sophie bedeutet der Tod der Mutter zweifellos einen prägenden Einschnitt und stark gewachsene Verantwortung. Ihre Geschwister sind erst 14 (Grete), 13 (Georg), neun (Else), der jüngste (Arthur) sechs Jahre alt.
Sophie durchläuft nach Schulbesuch im heimatlichen Westpreußen eine kaufmännische Ausbildung und arbeitet später vermutlich im Großhandel oder in Warenhäusern.
Zeitungsannoncen von Juli 19196 geben die Verlobung einer Sophie Zander, damals im westpreußischen Graudenz, Marienwerder Straße 17 mit einem Max Teller aus Lissa in Posen bekannt. Einige Häuser weiter in der Marienwerder Straße befindet sich seinerzeit die Verwaltung des Warenhauses Jontofsohn. Alter, jüdischer Kontext, räumliche Bezüge würden passen – die Verbindung wäre dann wieder aufgelöst worden. Max Teller heiratet später eine Luise geborene Treitel. Ob es sich tatsächlich um „unsere“ Sophie handelt, ist aber nicht sicher belegt.
Spätestens 1935 lebt Sophie in Karlsruhe, offenbar in Untermiete. Es ist denkbar, dass sie bei Warenhaus Tietz oder Knopf angestellt ist und erst 1936/37 aus ihrer Stelle verdrängt wird. Ihr Reisepass ist 1935 in Karlsruhe ausgestellt.7 Modernisiert „Sofie“ geschrieben, gibt der Pass ihren Beruf als „Einkäuferin“ an. Im August und wieder im September 1935 reist sie über Eger in die Tschechoslowakei, im September 1936 über Lugano in die Schweiz. Für Italien hat sie 1937 Devisen getauscht, aber die Reise storniert.
Neben dem Schwarz-Weiß-Foto im Pass heißt es: Gestalt: mittel, Gesicht: oval, Farbe der Augen: braun, Farbe des Haares: braun, keine besonderen Kennzeichen.
Die „Verordnung über die Reisepässe von Juden“ vom 5. Oktober 1938 erklärt zunächst deren Reisepässe für ungültig und verpflichtet die Inhaber/-innen, diese innerhalb von 14 Tagen zur Kennzeichnung einzureichen. Erst nach Anbringung des roten „J“ sind die Pässe wieder gültig. Am 17. Oktober 1938 schreibt Sophie aus dem pommerschen Bad Polzin (heute Połczyn-Zdrój), wo Bruder Georg mit Familie wohnt, an die Karlsruher Polizeibehörde und fügt fristgerecht ihren Reisepass zur Vorlage bei. Sie nennt als ihre Karlsruher Anschrift die Leopoldstraße 2a.II. (Im Haus gemeldet sind auch Moses Weißmann, Anna Billig, geborene Herz sowie Friedrich Herz.)
Auf der mit rotem „J“ gekennzeichneten Kennkarte von Dezember 1938 steht Sofie Zander „ohne Beruf“.8 Auf der zugehörigen Karteikarte vom August 1939 vermerkt sie selbst im Feld Erlernt: „Kaufmann, jetzt arbeitslos“. Unter Bürokenntnissen wie Buchhaltung, Kurzschrift, Maschineschreiben sowie bei Fremdsprachen gibt sie „nein/keine“ an, Hauswirtschaft und Nähen bejaht sie. Die fehlenden Bürokenntnisse mögen überraschen, erklären sich aber gut aus der üblichen, hochgradigen Arbeitsteilung großer Warenhäuser. Als Einkäuferin muss Sofie kalkulieren können, aber nicht doppelte Buchführung machen, sie braucht beste Markt- und Materialkenntnisse, aber tippt keine Bestellungen – dafür gab es zentralisierte Dienste im Haus.
Als ihre Anschrift nennt Sofie auf der Karteikarte „Kriegsstraße 88, bei Odenheimer“. Julius und Frieda Odenheimer leiten das dortige Hotel Nassauer Hof, wo damals etliche aus ihren bisherigen Wohnungen verdrängte Karlsruher Jüdinnen und Juden untergebracht sind. Viele nutzen das Hotel vor ihrer geplanten Emigration und nach Auflösen ihres Hausstandes als Zwischenadresse. Nur wenigen gelingt dies noch. So werden am 22. Oktober 1940 aus dem Nassauer Hof zahlreiche zahlreiche Bewohner:innen nach dem südfranzösischen Gurs deportiert. Sofie teilt nun das Schicksal von etwa 945 Karlsruher Jüdinnen und Juden. Der entwürdigende Ablauf ist vielfach beschrieben worden.
Eine Akte der amerikanischen Hilfsorganisation HIAS (Hebrew Immigrant Aid Society) belegt Sophie Zanders Aufenthalt im Lager Gurs, Ilot K, Baracke 4.9 Ilot K ist Frauen und Kindern vorbehalten. Das mit Stacheldraht abgetrennte Areal umfasst etwa 25 zunächst uneingerichtete Baracken mit Lüftungsklappen, ohne Fenster. Die unbefestigten Wege etwa zur Latrine versinken im einsetzenden Winter im Schlamm. Essen und medizinische Versorgung sind völlig unzureichend. Die Selbsthilfe unter den Frauen und das baldige Eingreifen von Hilfsorganisationen retten viele – so ist anzunehmen, dass Sofie in der Kinderbetreuung, der Altenpflege und beim Ausbessern der Kleidung mitwirkt. Bereits im August 1938 hat sie sich beim Amerikanischen Konsulat in Stuttgart für die Auswanderung registrieren lassen. Im Dezember 1940 korrespondiert sie mit dem nun zuständigen Konsulat in Marseille. Die Kostenübernahme für die Schiffsreise ist geregelt. Eine Angehörige von Bruder Georgs zweiter Frau, Selma Maronde (New York) übernimmt die Kosten von Sofies Überfahrt. Am 22. Juni 1941 schreibt ihr die Hilfsorganisation, sie müsse nun – wie üblich – das Konsulat zur Prüfung Ihrer Akte aufsuchen.
Auch wenn Visa und Affidavits vorlagen, scheitern aber manche Auswanderungspläne in dieser Phase an der zunehmend restriktiven Einwanderungspolitik der USA, z.B. durch die Relatives Rule, nach der Ausreisewillige mit nahen Angehörigen „im Reich“ abgewiesen werden – Sophies Geschwister Georg und Else sind 1941 noch in Berlin.
Schließlich ist Sofie Zander am 29. Oktober 1941 an „akuter, toxischer Bauchfellentzündung (Peritonitis) vermutlich ausgehend vom Blinddarm“ im Krankenhaus der Stadt Pau gestorben. 10 Seit 2023 erinnern drei steinerne Stelen auf dem Städtischen Friedhof in Pau an die dort bestatteten südwestdeutschen Jüdinnen und Juden des nahe gelegenen Lagers Gurs.
Schicksal des Vaters
Wohl ein halbes Jahrhundert übt Josef Zander sein Gewerbe aus. Laut Handelsregister erlischt seine Firma in Schlochau im Mai 1932 – da ist er fast 70. Laut zeitgenössischem Adressbuch11 wohnt Josef in der Lindenberg(er)straße in Schlochau, nahe beim Viehmarkt. In den Jahren darauf zieht er dann in die Nähe seiner Kinder nach Berlin.
Seit 1937/38 steigt der Druck auf jüdische Menschen, das Land zu verlassen. Wenn sie ihren Wohnsitz ins Ausland verlegen, wozu später zynischerweise auch die Deportation zählt, wird ihnen die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt. Außerdem fällt laut 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz von 1941 ihr gesamtes Vermögen an den Staat. Jede Person muss eine Vermögenserklärung abgeben. Josef Zanders Erklärung vom 31. Juli 1942 ist erhalten. 12 Er ist inzwischen in Berlin C2 im Jüdischen Altersheim in der Gerlachstraße 18-21; Straße und Haus nahe dem Alexanderplatz sind heute verschwunden. In der handschriftlichen Erklärung führt er seine „außerhalb des gemeinsamen Haushalts lebende[n] Kinder“ auf: Else Cohn und Georg Zander. In der Rubrik Welche Familienangehörigen sind schon ausgewandert? Wohin? nennt er: Arthur Zander, Chile; Grete Heina, Wien und Sophie Zander, „abgewandert“. Dieser Euphemismus ist NS-Amtsdeutsch für „deportiert“. Wohin und dass sie bereits tot ist, weiß er offenkundig nicht. Ein Gerichtsvollzieher übergibt dem 79-jährigen Josef Zander am 10. August den Gestapo-Bescheid über den Einzug seines Vermögens. Dazu der Vermerk: „Es ist kein Vermögen festgestellt worden“. Das lässt darauf schließen, dass er kurz zuvor aus einer Wohnung vertrieben worden ist und das Altersheim nur der „Durchschleusung“ dient, der letzten bürokratischen Abfertigung.
Am Abend des 17. August verlässt der erste große Alterstransport – der 46. aus Berlin – mit etwa 1.000 Menschen, davon etwa 165 aus dem Altersheim Gerlachstraße, unter ihnen Josef Zander den Güterbahnhof Putlitzstraße in Berlin-Moabit Richtung „Protektorat Böhmen und Mähren“.13 Die Verhafteten, im Durchschnitt 75 Jahre alt und zu knapp drei Vierteln Frauen, treffen am nächsten Tag in Bohušovice (Bauschowitz) ein, von wo aus sie noch drei Kilometer zum Ghetto Theresienstadt zu Fuß oder auf Lastwagen zurücklegen müssen. Josef Zander trägt die Häftlingsnummer I/46-4220, wie alle auf einem Pappschild um den Hals.14 Hunger, drastische Überbelegung und vielerlei Entbehrungen beherrschen das Ghettoleben. Josephs letzte Bleibe ist die Hannover-Kaserne B IV, Zimmer 194 – eine triste Massenunterkunft, ohne Anschluss an das Wassernetz und daher geplagt mit verseuchtem Trinkwasser. Nach kaum zwei Wochen, am 30. August 1942 in der Frühe, ist Joseph Zander tot.15 In der Todesfallanzeige – verwahrt im Nationalarchiv in Prag – attestiert der Arzt, ein Mithäftling, „Enteritis, akuten Darmkatarrh“.
Schicksal der Geschwister
Sofies Brüder haben Krieg und Verfolgung überlebt, ihre Schwestern nicht.
Grete, verheiratete Hejna, wird im August oder September 1942 von Wien aus nach Maly Trostenez bei Minsk in Belarus deportiert und verliert dort ihr Leben.16
Else, verheiratete Cohn, mit Familie zunächst in Bad Polzin, später in Berlin, wird am 1. März 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet, ebenso wie Ehemann und Sohn.
Arthur, zuletzt in Berlin, kann rechtzeitig nach Santiago de Chile auswandern.
Georg, mit Familie zunächst in Bad Polzin, später Berlin, wird nach der Pogromnacht wie Tausende jüdische Männer in das KZ Sachsenhausen verschleppt.17 Er überlebt und kehrt nach dem Krieg nach Berlin zurück. Seine Tochter aus erster Ehe, Inge, macht Hachscharah im schlesischen Ellguth-Steinau, gelangt nach Palästina und wird Mitglied des Kibbutz Ma'ayan Tsvi.
Was Sofie Zander in den 1930er Jahren nach Karlsruhe führte, wissen wir nicht. Die Stadt war ihr letzter frei gewählter Wohnort, den sie durch Krieg und Rassenwahn verlor, wie bald darauf ihr Leben. Im Gedächtnis der Stadt möge ihr ein bleibender Ort zukommen.
(Christoph Kalisch, Juli 2026)
Anmerkungen:
[1] Vgl. Stolperstein in Berlin für eine jüngere Schwester, Johanna Segall;
[2] Mosse-Reichsadressbuch für Industrie, Handel und Gewerbe Ausgabe 1906;
[3] Adressbuch Stadt und Krs. Konitz (1908);
[4] Ostdeutsche Presse, 17. Feb 1907;
[5] Ostdeutsche Presse Jg. 32, Nr 108 vom 8. Mai 1908;
[6] Berliner Tageblatt, 16.7.1919, S. 9;
[7] GLA 330/1343;
[8] Stadtarchiv KA, 1/AEST 1239/648;
[9] YIVO Institute for Jewish Research, Records of HIAS-HICEM Main Office in Europe (RG 245.5 (France I-IV)), Series III: France III, Refugee Case Files, 1940-1943, Zac-Zaw, 1940-1943. Seite 54-55;
[10] Akten aus Archives Départementales des Pyrénées-Atlantiques in Pau, zu Camp de Gurs (72 W 70 et 72 W 337) bzw. Hospital in Pau (1465 W 70);
[11] Zwölfstädte-Adressbuch von 1933 [...] enthaltend [...] Schlochau [...], S. 642 und 661, vgl. bibliotekacyfrowa.eu;
[12] BLHA 36A (II) 41124;
[13] https:collections.arolsen-archives.org/en/document/127204930 ;
[14] https:collections.arolsen-archives.org/en/document/5102278 ;
[15] https:www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/opfer/37433-josef-zander/ ;
[16] https:collections.arolsen-archives.org/de/document/130501988 ;
[17] https:*www.ushmm.org/online/hsv/person_view.php?PersonId=8519162 ;